Balladen

 



 

Das tote Brautpaar

Zu Augsburg in dem hohen Saal
Herr Fugger hielt sein Hochzeitmahl.

Kunigunde hieß die junge Braut,
saß krank und bleich, gab keinen Laut.

Zwölf goldne Becher gingen herum,
nichts trank Herr Fugger, so bleich und stumm.

Zwölf Blumenkörbe bot man umher,
die Braut verlangte kein Blümlein mehr.

Zwölf Harfner lockten zum Fackeltanz,
die Fackeln gaben so matten Glanz.

Die Gäste tanzten in langen Reihn,
zwo weiße Gestalten hinterdrein.

Die Gäste tanzten zum Saal hinaus,
sie tanzten und tanzten wohl aus dem Haus.

Sie Saiten der Harfen sprangen zumal,
stumm schlichen die Harfner sich aus dem Saal.

Im Saale vernahm man keinen Laut,
tot saßen im Dunkel Bräut'gam und Braut.

Justinus Kerner - 1786 - 1862

 

Das verfluchte Dorf

nach einer Sage aus Lothringen

Es geht die trübe Sage
von einem verfluchten Dorfe:
die Häuser stehn verfallen;
gesprungen sind die Glocken;
hochalterige Raben
auf allen Firsten hocken;
es schleichen umher wie Schatten
unheimlich die Bewohner;

die Kinder sehen wie Alte,
sie werden zur Welt geboren
mit großen Augen von Glase,
mit aschenfarbenen Locken;
und sind sie ausgewachsen,
so heiraten sie im Dorfe,
dieweil sie außerhalben
kein Lieb würden bekommen;

und allzeit tragen alle
sie Trauer um einen Toten,
dieweil sie untereinander
verwandt im ganzen Dorfe;
da pfeift kein Knecht im Stalle;
da tönt kein Fiedelbogen;
die Störche und die Schwalben
sind alle weggeflogen.

Karl August Candidus -1817 - 1872

 

Der Bettler

Ich will in dieser Rinne sterben,
bin alt und siech genug dazu;
sie mögen mich "betrunken" schelten,
mir recht! sie lassen mich in Ruh.
Die werfen mir noch ein'ge Groschen,
die wenden ab ihr Angesicht;
ja, eilt nur, eilt zu euren Festen,
zum Sterben brauch ich euch doch nicht.

Vor Alter muß ich also sterben,
man stirbt vor Hunger nicht zumal;
ich hofft in meinen alten Tagen
zuletzt noch auf ein Hospital;
so viel des Elends gib's im Volke,
man kommt auch nirgends mehr hinein;
die Straße war ja meine Wiege,
sie mag mein Sterbebett auch sein.

Lehrt mich ein Handwerk, gebt mir Arbeit,
mein Brot verdienen will ich ja; -
geht betteln! hieß es, Arbeit? Arbeit?
die ist für alle Welt nicht da.
Arbeit! Schrien mich an, die schmausten,
und warfen mir die Knochen zu;
ich will den Reichen doch nicht fluchen,
ich fand in ihren Scheunen Ruh.

Ich hätte freilich stehlen können,
mir schien zu betteln minder hart;
ich habe höchstens mir am Wege
ein paar Kartoffeln ausgescharrt;
und immer allerorten steckte
die Polizei mich dennoch ein,
mir raubend meine einz'ge Habe -
du Gottes Sonne bist ja mein!

Was kümmern mich Gesetz und Ordnung,
Gewerb' und bürgerliches Band?
was euer König, eure Kammern?
sagt, hab ich denn ein Vaterland?
Und dennoch, als in euren Mauern
der Fremde, Herr zu sein, gemeint,
der Fremde, der mich reichlich speiste,
ich Narr, wie hab ich da geweint

Ihr hättet mich erdrücken sollen,
wie ich des Licht der Welt erblickt;
ihr hättet mich erziehen sollen,
wie sich's für einen Menschen schickt;
ich wäre nicht der Wurm geworden,
den ihr euch abzuwehren sucht;
ich hätt' euch brüderlich geholfen
und euch im Tode nicht geflucht.

Adelbert von Chamisso

In Anlehnung an eine Ballade des französischen Dichters

Pierre Jean de Béranger (1780 - 1875)

 

Der Gnom und die Eidechse

Im Gestrüpp, wo dichtgeschart
Eriken und Farrenkräuter,
liegt der Gnom und streicht den Bart,
als ein Fürst der Bärenhäuter;
mausefallen ist sein Rock,
Weidenbast die Pluderhose,
ein Wachholderreis sein Stock,
und sein Dolch ein Dorn der Rose.

Horch, da rauscht es in dem Gras,
und es schwanken Halm und Farren,
leise schlüpft's und gleißt wie Glas,
daß des Gnomen Glieder starren;
unter ziegelrotem Dach
eines mächtgen Fliegenschwammes
äugelt grün und zornig ach!
Eidechslein, das Kind des Schlammes.

Kaum nun springt der Gnom hervor,
schlängelt sich das Tier im Ringe,
schäumt und züngelt, daß empor
furchtsam fliehen die Schmetterlinge.
Hurtig zückt der Gnom den Speer
heißen Ingrimms auf den Drachen,
zischend spring das Blut empor
aus dem Salamanderrachen.

Jener trennnt den Kopf vom Rumpfe,
steckt ihn auf die Brombeerlanze
und im seligsten Triumphe
flicht er Eichlaub sich zum Kranze,
siegreich zieht er dann einher,
zeigt sich Vettern, Basen, Ohmen,
widerhallt im Land die Mär
stolz vom Ritter Görg der Gnomen.

Adolf Böttger - 1815-1870

 

Der Geistertanz

Die bretterne Kammer
der Toten erbebt,
wenn zwölfmal der Hammer
die Mitternacht hebt.

Rasch tanzen um Gräber
und morsches Gebein
wir luftigen Schweber
den sausenden Reihn.

Was winseln die Hunde
beim schlafenden Herrn?
Sie wittern die Runde
der Geister von fern.

Die Raben entflattern
der wüsten Abtei
und fliehn an den Gattern
des Kirchhofs vorbei.

Wir gaukeln, wir scherzen
hinab und empor,
gleich irrenden Kerzen
im dunstigen Moor.

O Herz! dessen Zauber
zur Marter und Ward,
du ruhst nun, in tauber
Verdumpfung, erstarrt.

Tief bargst du im düstern
Gemach unser Weh;
wir Glücklichen flüstern
dir fröhlich: Ade!

Friedrich von Matthissen - 1762 - 1831

 

Der Sänger mit dem Schwert

In der hohen Hall saß König Sifrid:
"Ihr Harfner, wer weiß mir das schönste Lied?"
Und ein Jüngling trat aus der Schar behende,
die Harf' in der Hand, das Schwert an der Lende:

"Drei Lieder weiß ich; den ersten Sang,
den hast du ja wohl vergessen schon lang:
Meinen Bruder hast du meuchlings erstochen!
Und aber: Hast ihn meuchlings erstochen!

Das andre Lied, das hab ich erdacht
in einer finstern, stürmischen Nacht:
Mußt mit mir fechten auf Leben und Sterben!
Und aber: Mußt fechten auf Leben und Sterben!"

Da lehnt er die Harfe wohl an den Tisch,
und sie zogen beide die Schwerter frisch
und fochten lange mit wildem Schalle,
bis der König sank in der hohen Halle.

"Nun sing ich das dritte, das schönste Lied,
das werd ich nimmer zu singen müd:
König Sifrid liegt in seim roten Blute!
Und aber: Liegt in seim roten Blute!"

Ludwig Uhland - 1787 - 1808

 

Der Trauernde und die Elfen

Zum Grabe der Trauten schleicht der Knabe:
ihm ist das Herz so bang und schwer.
Da sinkt die dunkle Nacht hernieder,
und bleiche Geister gehn umher.
Des Abends feuchte Nebel tauen,
der Nachtwind wühlt in seinem Haar,
das alles wird er nicht gewahr.

In Träumen ist er ganz verloren,
er merkt nicht der Stunden Gang.
Da weckte ihn aus dem dumpfen Schlummer
Musik und froher Chorgesang;
Er blickt auf: und schaut den Reigen
der Elfen, deren muntrer Tanz
sich schlingt um frischer Gräber Kranz.

Und sieh! ihm naht der Elfen schönste
und spricht: "Was trauerst du so sehr?
komm! ist den Mädchen dir gestorben?
vergiß sie! komm zum Tanze her!
Frei sind wir Elfen, ohne Sorgen.
Leicht wie der Sinn ist unser Fuß,
und froh und leicht sind Lieb und Kuß.

O zögre nicht! Nur wenig Stunden,
so moderst du; nur kurze Zeit,
so welket alles, was jetzt blühet.
Drum komm! entsag dem schweren Leid." -
Wild springt er auf zum raschen Tanze
und über seiner Braut Gebein
schlingt sich der lust'ge Elfenreihn.

Er tanzt, vergisset die Geliebte.
Leicht, wie der Elfen, wird sein Sinn;
entbunden aller Erdensorgen.
schwingt er sich über Wolken hin.
Er sieht Geschlechter kommen, sterben,
kann alles froh und lustig sehn,
der Dinge Blühen und Vergehn.

Caroline von Günderode - 1780 - 1806

 

Die treuen Hunde

Begleitet von zwei treuen Hunden,
ging Schnell, ein Fleischer, über Land.

Schon waren ihm nach wenig Stunden
die Türme seiner Stadt verschwunden,
als in dem Wald, durch den der Weg sind wand,
ein Mann mit Knotenstock - im Blicke
mehr tiefen Gram als Herzenstücke -
bescheidend flehend vor ihm stand:
Freund nur ein kleines einem Armen,
Gott näher bringt dich das Erbarmen.

Schnell wendet sich und sucht hervor
ein Silberstück, als - mir zittert
die Feder, und mir singt das Ohr! -
als jener Unhold im Gewande
der Dürftigkeit durch einen Schlag
den Fleischer, der nichts Arges wittert,
zu Boden stürzt. Der Edle lag
betäubt und sinnenlos im Sande
und auf dem Punkt, beraubt zu sein.

Doch Vorsicht und Instinkt verkürzen
die Freveltat: wie Blitze stürzen
die Hunde wütend auf den Mörder ein,
zerfleischen schrecklich ihn und zerren
ihn endlich nach dem nahen Sumpf.
Dann fliegen sie zu ihrem Herren,
der noch an allen Sinnen stumpf
zu Boden lag, beriechen und belecken,
ihn in das Leben zu erwecken,
ihm freundlich Händ und Angesicht.

Schnell wachet auf, sieht seinen Mörder nicht,
doch findet er sein Geld und seine Hunde,
fühlt eine Beule, keine Wunde
und wandert seines Weges fort.

Urplötzlich dringt aus einem nahen Ort
ein kläglich Wimmern ihm zu Ohren.
Er geht dem Laute nach und sieht,
den Räuber blutend und verloren,
wenn niemand rettet. Hochentglüht
von Menschlichkeit und Tugend, springet
er mutig in den Sumpf und zieht
selbst seinen Mörder an das Land und ringet
ihm Haar und Kleider aus und jagt
die Hunde fort, Worauf er endlich fragt:ÂÂÂÂÂÂÂŽ
Was tat ich dir, daß du mich schlugest
und friedlich nicht ein klein Geschenk von mir
zurück in deine Hütte trugest?

Mitleiden, sprach der Räuber hier,
Mitleiden, lebt nur noch in Sittensprüchen;
doch das Bedürfnis wird nicht satt von Wohlgerüchen!
Ich tat es, Wanderer, weil höchster Grad der Not
mir nur die Wahl noch ließ von mein und deinem Tod!

Ich könnte, sprach der Fleischer mit der Miene
des inneren Bewußtseins, das
so schon belohnet, wenn auch gleich auf ihrer Bühne
die Welt, die, was sie soll, fast immer noch vergaß,
es kaum bemerkt, - ich könnt auf Tod und Leben
dich den Gerichten übergeben;
doch armer Mann, was hälf es mir?
Nimm diesen blanken Taler hier
und eile, daß kein Zeuge dort erzähle,
was hier geschehn!
Erhabne Seele!
rief über ihm ein Genius
und schwang das goldene Gefieder,
du lebst im schönsten aller Lieder
des Dichters, der dich singen muß.

Joseph Friedrich Engelschall - 1739 - 1797

 

Der Werwolf

Mein Liebster, wo bist du gewesen die Nacht?
du hast dich so heimlich von dannen gemacht.

Und aus dem Walde rief es so grell,
halb deine Stimme, halb Wolfsgebell.

Nun ist dir verloschen des Auges Glut,
um Lippen und Bart eine Spur von Blut;

wo bist gewesen? was hast du getan?
was gingen die bellenden Wölfe dich an?

O frage nicht, Liebste, o frage mich nicht,
die Nacht ist ja schwarz, und der Wald ist da dicht.

Leicht spült sich die Lippe, leicht spült sich der Bart,
daß niemand die Spuren des Blutes gewahrt.

Erloschen die Augen in Scham und Reu,
bald glänzen in eherner Härte sie neu.

Und lächende Lüge verschleiert so klug
die Hölle des Herzens, den Furienfluch.

Artur Fitger - 1840 - 1909

 

 

 

















 


 

 



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